Dienstag, 25. Juni 2013

Bemerkung zu ahd. luogên 'erblicken, blicken, schauen, hervortreten, hervorragen, hervorschauen'

Im Althochdeutschen ist seit Ende des 8./Anfang des 9. Jh.s in Glossen und bei Otrid das Verb luogên sw.v. III 'erblicken, blicken, schauen, hervortreten, hervorragen, hervorschauen' bezeugt. Dieses Verb ist fortgesetzt als mhd. luogen, md. lûgen, luochen sw.v. 'aufmerksam sehen, schauen, hervorblicken, emporragen', frühnhd. lugen sw.v. 'mit den Augen wahrnehmen, blicken, schauen, aufpassen, prüfen, kontrollieren, Ausschau halten nach, betrachten' und nhd. lugen sw.v. 'aufmerksam schauen, spähend blicken, hervorgucken'.
Die dt. Verben haben Entsprechungen in einigen anderen westger. Sprachen, die jedoch im Konsonantismus und in der Verbalklasse abweichen. Während die dt. Formen auf eine Vorform westgerm. *lōǥēie/a- zurückgehen, setzten die Verben as. lōkon 'schauen', run.-andd. lokom 'ich sehe' (Weser-Knochen 4990), mndl. loeken 'aufmerksam schauen, spähen', ae. lōcian 'blicken, starren, beobachten, gehören', me. lōken, loke, locon, lokie(n) 'dss.', ne. look 'blicken, schauen, hinsehen, scheinen, aussehen' auf westgerm. *lōkōie/a- zurück. Das Nebeneinander von *-ǥ- und *-k- ist dabei am einfachsten durch Kluges Gesetz zu erklären, wonach urgerm. *-ǥn-´ (3.pl.) > *-ǥǥ- > *-gg- > *-kk- geworden und der Langvokal sekundär nach Langvokal vereinfacht worden wäre. Andere Erklärungen dieses Nebeneinanders sind deutlich unwahrscheinlicher, etwa als "expressive" Geminate (es wäre wohl -gg- zu erwarten) oder als volksetymologische Anlehnung an ahd. loug, louga 'Versteck, Höhle'.

Zu den wenigen Vorschlägen einer weiteren Etymologie ist dieser, dass die germ. Wörtern mit dem Verb toch. AB läk- 'sehen' zu verbinden sind, sicherlich am überzeugendsten (man kann bei dieser Verbindung dann selbstverständlich die toch. Form nicht mehr mit der Verbalwz. uridg. *lewk- 'hell werden' verbinden, wie dies etwa noch bei O. Hackstein, Untersuchungen zu den sigmatischen Präsensstammbildungen des Tocharischen. Göttingen, 1995, S. 250f. geschieht und ebenfalls als Alternative bei D.Q. Adams, Dictionary of Tocharian B. Amsterdam, Atlanta, 1999, S. 549f. erwähnt ist). In der Literatur, vgl. etwa D.Q. Adams, Dictionary of Tocharian B. Amsterdam, Atlanta, 1999, S. 549f. werden die germ. und toch. Wörtern dann weiterhin zur Verbalwz. uridg. *leĝ- 'sammeln, auflesen' (vgl. dazu LIV² 397) gestellt, wobei von einer Grundbedeutung 'mit den Augen sammeln' auszugehen wäre. Diese Verbindung ist jedoch wegen der germanischen Varianz zwischen westgerm. *lōǥēie/a- und *lōkōie/a- aufzugeben, da die älteste Lautung im Germ. *-ǥ- gewesen ist. Aus genau diesem Grund sind die Formen ebenfalls von den bei A. Walde, Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen. Hrsg. v. J. Pokorny. Berlin, Leipzig, 1927–32, Bd. 2, S. 381 aufgelisteten Wörtern wie gr. λογάδες 'Augäpfel, Augen' zu trennen.

Will man die germanischen und tocharischen Wörtern weiterhin verbinden, was aus semantischer Sicht naheliegend ist, wird man wohl eine Verbalwz. uridg. *legh/ĝh- 'sehen' annehmen müssen, die sonst offenbar nicht weiter bezeugt ist (Vorschläge?).

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Eine etymologische Miszelle zu ahd. urrea

(Vorbereitung für einen Kurzaufsatz)

Im Vocabularius Sancti Galli, einem lateinisch-althochdeutsches Glossar im Codex 913 der Stiftsbibliothek St. Gallen, ist auf f. 183 folgender Eintrag überliefert: turrea . urrea. Es handelt sich bei urrea um ein Hapax legomenon im Althochdeutschen.

Zur Erklärung der etymologischen Herkunft von ahd. urrea hat es nur eine einzige Bemerkung gegeben, und zwar bei Graff: "cf. ὄρω, wovon ὄρος, Berg, so dass in urrea das simplex des griech. τ-ύρσις, lat. t-urris liegen könnte". Nun ist eine solche Auffassung nach den heutigen Kenntnissen natürlich nicht möglich, da zum einen ein t-Mobile in den indogermanischen Sprachen nicht vorkommt, zum anderen das gr. und das lat. Wort wohl Lehnwörter aus dem Mittelmeerraum sind. Dass die Form urrea ebenfalls keine Verunstaltung von lat. turrea der Vorlage ist, zeigt sich daran, dass es für das Wort einen mhd. Beleg gibt: begunden wurchen ein urre, einen michelen turn 'sie begannen eine urre zu machen, einen großen Turm' (Genes. fundgr. 29,23).

In den germ. Sprachen sind die Wörter mit der Semantik 'Turm' in der Regel Lehnwörter (aus dem Grund, da die Germanen keine Türme kannten); vgl. u.a. got. kelikn 'Turm' (< gall. celicnon 'Turm'), ahd. turn, mndd. torn, tarn, mnl. torn, tōren 'Turm' (< afrz. *torn 'Turm').

Nun kann aber für urrea keine Entlehnung wahrscheinlich gemacht werden, so dass die Vermutung nahe liegt, dass es sich bei diesem Wort um eine Neubildung handeln könnte. Da ein Turm semantisch als Erhebung oder ein (aus der Umgebung) herausragendes Objekt beschrieben werden kann, so kann hier vielleicht angenommen werden, dass der Ausgangspunkt für ahd. urrea eine urgerm. Bildung *uz-jō- ist. Diese könnte dabei als eine Weiterbildung zu urgerm. *uz 'aus, von' > got. us-, uz-, ur-, ahd. ar-, ir-, ur-, as., afries. ur-, or-, ae. or-, (im Schwachton) a-, aisl. or-, ur-, ør- analysiert werden. Vergleichbare Bildungen liegen u.a. vor in urgerm. *aƀjōn- 'Ebbe', eigtl. 'Rückgang', urgerm. *anđija- 'Ende'. Als Semantik wäre dann 'Erhebung' anzusetzen, was semantisch auf das konkrete Objekt eingeengt wurde.

Da im Vocabularius die Endung der f. -St. einheitlich auf -e ausgeht, wäre an dieser Stelle +urre zu erwarten. Die fehlerhafte Endung -ea ist dabei wohl durch das danebenstehende turrea bedingt, wie auch die einzig weitere Schreibung mit , nämlich uzseazeo für +uzsazo als Verschreibung zu interpretieren ist.

Für das Ahd. ist somit ein Wort urre 'Turm' < westgerm. *ur(r)jō- < urgerm. *uzjō- anzunehmen.

Dienstag, 11. Dezember 2012

Save Languages in Groningen!

This time only a short post:

Text from the Save Languages in Groningen Blogspot

Last year the University of Groningen decided to merge most of its Modern Language Programmes into a single programme: European Languages and Cultures, featuring the study of 10 European languages from a European perspective. But this new programme was barely in its third month when the University announced plans to reduce the number of languages from 10 to 6. As of September 2013, students will not longer have the possibility to choose Danish, Norwegian, Finnish or Hungarian.
However, the value of these languages extends well beyond the university walls. Cultural exchanges between countries large and small are of great economic importance. Accordingly, the study of languages and cultures at academic level is vital –language students go on to work as writers, communicators, translators, interpreters, editors etc. If the University of Groningen’s plans to discontinue four modern language programmes take effect, unique expertise will be drained from the country, with devastating effects in the long term. With this petition, we urge the University of Groningen to reconsider these plans, and to continue to offer Danish, Finnish, Hungarian and Norwegian as part of the European Languages and Cultures programme. If you want to support our cause, please sign this petition and spread the word!

On behalf of staff, students and alumni of the departments of Scandinavian and Finno-Ugric languages at the University of Groningen

Prof. Muriel Norde
(Chair of Scandinavian Languages and Cultures)
Prof. Cornelius Hasselblatt
(Chair of Finno-Ugric Languages and Cultures)


So please sign the petition to rescue these languages in Groningen. Click the following link to sign in here.

THANK YOU!

Dienstag, 6. November 2012

Zur Etymologie von ahd. krûsa

In Gl. seit dem 12. Jh. ist das Wort krūsa f. n-St. überliefert. Es glossiert lat. redecisium und hat somit die Bedeutung 'Vormagen'. In der Form ist das Wort nicht fortgesetzt.

Seinen nächsten Entsprechungen findet ahd. krūsa < urgerm. krūsōn‑ das Wort in: mndd. krǖse n. 'Gekröse, Eingeweide' < urgerm. *krūsja‑.
Es wird allgemein und sicher zu recht angenommen, dass die Formen Ableitungen von dem urgerm. Adj. *krūsa‑ 'kraus' sind, das fortgesetzt ist in: mhd. krūs 'kraus, gelockt', nhd. kraus '(von kürzerem Haar) sehr stark, in widerspenstig-spröder Weise gelockt, geringelt, voller unregelmäßiger enger Linien, Falten, welliger, wellenartiger Formen, (abwertend) (absonderlich und) wirr, verworren, ungeordnet', mndd. krūs 'kraus, gekräuselt, in Falten gelegt', mndl. cruus, nndl. kroes 'kraus, gelockt', nwestfries. kroes 'fein krauses Haar, gekräuselt', saterfries. krúus 'kraus'.
Daneben stehen Formen, die auf eine Variante mit Diphthong weisen: urgerm. *kraus‑ weisen: mhd. (ge)krœse st.n. 'das kleine Gedärm, Gekröse', nhd. Gekröse n. '(Anatomie) wie eine Kreppmanschette gekräuseltes, aus Bindegewebe bestehendes Aufhängeband des Dünndarms, Eingeweide, Gedärm, (Kochkunst) Gesamtheit essbarer Innereien (besonders vom Kalb)', mndd. krȫse n. 'Gekröse, Eingeweide', mndl. croos, nndl. kroos 'Eingeweide, Gedärm' (< *krausja-).
Eine weitere hierher gestellte Bildung ist urgerm. *kruzla/ōn- 'Haarlocke' > *krulla/ōn-, das vorliegt in: mhd. krol, krul st.m., krolle, krülle sw.f. 'Haarlocke', nhd. (dial.) Krolle f. 'Locke', mndd. krul m./n., krulle f. 'Locke, Lockenfrisur, ‑kopf, Krauskopf', mndl. crul, crulle, crolle 'Kurve, Haarlocke', nndl. krul 'Spiralform', me. crul 'kraus', ne. curl 'Haarlocke' (die engl. Formen sind wohl aus dem Mndl. entlehnt), nisl. krull, ndän. krølle, nnorw., nschwed. krull 'Haarlocke'.

All diese Formen werden bei Pokorny, IEW, S. 390 unter einem Wurzelansatz uridg. *greus- zusammengestellt, die eine Erweiterung von der Verbalwurzel uridg. *ger- 'drehen, winden' sein soll (natürlich muss man eine doppelte Wurzelerweiterung annehmen: *ger‑ → *greu‑ → *greus‑). Dieser Ansatz vermag jedoch nicht zu überzeugen, da sie die Varianz urgerm. *-au- : -u- : -ū- nicht erklären kann.

Will man nicht zu einer analogischen Erklärung greifen (mit einem sekundären -ū-), bieten sich zwei Möglichkeiten an:

1. Ansatz einer Wurzel vorurgerm. *g/ĝreuH‑, die hier wohl mit einer s-Erweiterung *g/ĝreuH‑s‑ vorliegt (die Annahme einer Ableitung mit s-Suffix, von der aus dann die germ. Formen abgeleitet wären, ist weniger wahrscheinlich). Die Formen lassen sich dann folgendermaßen Herleiten:
1.a. urgerm. *krūsa‑ < vorurgerm. *g/ĝruHso‑ (mit sekundärem Akzent auf dem *‑u‑ [nach *krausa-]?);
1.b. urgerm. *krausa‑ < vorurgerm. *g/ĝróuHso‑;
1.c. urgerm. *kruzla/ōn‑ < vorurgerm. *g/ĝruHsló‑ mit regulärem Schwund des Laryngals in der Folge *‑Hsl‑ (vgl. dazu Neri 2011: 293).

2. Ansatz einer Wurzel vorurgerm. *g/ĝreh2u‑, ebenfalls mit einer s-Erweiterung *g/ĝreh2u‑s‑ vorliegt. Die Formen lassen sich dann folgendermaßen Herleiten:
2.a. urgerm. *krūsa‑ < vorurgerm. *g/ĝrh2uso‑ → *g/ĝruh2so‑;
2.b. urgerm. *krausa‑ < vorurgerm. *g/ĝréh2uso‑;
2.c. urgerm. *kruzla/ōn‑ entweder < vorurgerm. *g/ĝrh2usló‑ → *g/ĝrrusló‑ (vgl. dazu Neri 2011: 144, 193 Fn.80, 225, 233, 251 mit Fn. 73, 286) oder < vorurgerm. *g/ĝrh2usló‑ → *g/ĝruh2sló‑ (und weiter wie unter 1.c.).

Eine kleine, winzige Frage bleibt dann noch übrig: Ist einer der beiden Wurzeln auch noch außerhalb der germ. Formen belegt? Hinweise wären willkommen.

P.S.1: Diese Gruppe ist unbedingt von der um ahd. krosal* 'Knorpel' zu trennen.
P.S.2: Ich bedanke micht für Anregungen und Hinweise bei Sergio Neri (Fehler sind leider trotzdem nur mir anzulasten ...)

Sonntag, 4. November 2012

Zur Einordnung von ahd. kuti

Die ahd. Wortform kuti ist nur ein einziges Mal belegt, und zwar in Gl. 4,6,1: (nom.sg. oder pl.) chuti . caulae (Jc). Hierfür wird u.a. vom Leipziger Althochdeutschen Wörterbuch, Bd. 5, Sp. 560; J. Splett, Althochdeutsches Wörterbuch, Bd. 1, S. 503 (vgl. auch Elke Krotz, Auf den Spuren des althochdeutschen Isidors, 2002, S. 379) ein eigenständiges Lemma kuti st.N. '(Schaf‑)Stall' angesetzt. Dieses wird dabei zur Wortgruppe um urgerm. *k(a)ut(j)a(n)- 'Hütte' gestellt (vgl. dazu A. Fick, Vergleichendes Wörterbuch der Indogermanischen Sprachen. Teil 3: Wortschatz der germanischen Spracheinheit. Unter Mitwirkung von Hj. Falk gänzlich umgearbeitet von A. Torp. 4. Aufl. Göttingen, 1909, S. 47).

Diese Deutung vermag jedoch kaum zu überzeugen. Denn bei der Deutung als st.N. kann nur von einem neutralen ja-St. ausgegangen werden, was lautlich jedoch unmöglich ist. Denn eine Vorform urgerm. *kutja- hätte über westgerm. *kuttja- zu ahd. **kuzzi führen müssen. Die einzige andere Möglichkeit wäre die Annahme eines m./f. i-St., also < urgerm. *kuti- (n. i-St. sind im Ahd. nicht [bzw. so gut wie gar nicht] belegt). Für einen solchen Stamm gibt es jedoch im Germanischen keinen weiteren Hinweis.

Aus diesen Gründen ist es näherliegend, die Interpretation bei G. Köbler, Wörterbuch der althochdeutschen Sprachen, S. 693; R. Schützeichel, Althochdeutsches Wörterbuch (7. Auflage), S. 188; Starck-Wells, Althochdeutsches Glossenwörterbuch, S. 356; R, Schützeichel, Althochdeutscher und Altsächsischer Glossenwortschatz, Bd. 5, S. 408; E. Seebold, Chronologisches Wörterbuch des 9. Jahrhunderts, S. 490 zu folgen und von einer Fehlgraphie für kutti n. ja-St. '(Vieh‑)Herde, Schafherde, (Vogel‑)Schwarm' auszugehen. Dies wird dadurch wahrscheinlich, weil erstens lat. caulae 'Hürde der Schafe' nicht auf einen geschlossenen Raum weist bzw. weisen muss, zweitens ein vergleichbares Nebeneinander der beiden Bedeutungen ('Schar' und 'Hürde') sich auch in der neuwestfries. Entsprechung kudde 'Herde, Koppel' findet.

Donnerstag, 21. Juni 2012

Ahd. lezzînfuozi - ein Ghostword

In den ahd. Wörterbüchern findet sich regelmäßig ein Lemmaeintrag lezzînfuozi. Exemplarisch (da am ausführlichsten) sei der Eintrag aus dem Leipziger Althochdeutschen Wörterbuch, Bd. 6, Sp. 872 zitiert:

? lezzînfuozi adj. (zum Ansatz als Komp. vgl. Siewert, Horazgl. S. 190 f.; oder getrennt als Adj. u. Subst. aufzufassen?).
lezen-phuze: nom. sg. m. Siewert, Horazgl. S. 189,17 (Sg 868, 11. oder 12. Jh.; zu -ph- für f vgl. Weinhold, Mhd. Gr. § 171). schieffüßig, klumpfüßig (?), substant.: Scaurus fuit nobilis Romanus parum incuruos pedes habens i. lezenphuze [zu: hunc varum distortis cruribus, illum balbutit] scaurum [, pravis fultum male talis, Hor., Serm. I,3,48] Siewert, Horazgl. S. 189,17 (zur Glossierung u. Parallelglossierung ?lezfuozi vgl. Siewert a. a. O. S. 190 f. 216. 262; zur Bed. vgl. Riecke, Med. Fachspr. s. v. lezfuoz st. m.). Vgl. Höfler, Krankheitsn. S. 175. Vgl. ?lezfuozi.

Die grammatische Angabe ist durch die Annahme zustande gekommen, dass das Ahd. die gesamte lat. Fügung incurvos pedes habens glossiert. Nun hatte das Leipziger Althochdeutsche Wörterbuch offenbar bereits Bedenken gegen den Ansatz lezzînfuozi, da sie als zusätzliche Information bietet: "oder getrennt als Adj. u. Subst. aufzufassen?"

Und in der Tat ist zweierlei schwierig:
1. Es gibt sonst weder im Ahd. noch in dessen Fortsetzer ebenso wie in den anderen germ. Sprachen einen Hinweis auf ein erweitertes Adj. lezzîn. Adj. können zwar ohne wesentliche Bedeutungsveränderung mit dem Suffix urgerm. *-îna- weitergebildet werden (vgl. etwa ahd. jungīn zu jung oder grāwīn zu grāo), ein Reflex dieser Bildung wäre aber durchaus wünschenswert.
2. Es gibt durchaus Bedenken wegen der Art der Wortbildung, nämlich, dass das erweiterte Adj. als Vorderglied in einem Kompositum erscheint, ein durchaus nicht gewöhnlicher Vorgang. Diese Schwierigkeit bekommt noch mehr Gewicht, weil das zu erwartende Adj. lezfuozi 'schieffüßig, klumpfüßig (?)' im Ahd. ebenfalls belegt ist.

Man wird daher vielmehr von einer Fügung bestehend aus Adj. + Subst. ausgehen, die lediglich lat. incurvos pedes glossiert, somit im Nom. oder Akk.Pl. steht. Das Adj. geht dabei nach der sw. Deklination. Der Ansatz lezzînfuozi ist somit zu streichen.

Samstag, 5. Mai 2012

Anmerkungen zu M. Kotin, Gotisch, Heidelberg 2012

In diesem Beitrag werde ich Anmerkungen zum neu erschienen Buch von Michail L. Kotin, Gotisch. Im (diachronischen und typologischen Vergleich, Heidelberg 2012 geben, die ich im Verlaufe meiner Lektüre immer weiter ergänzen werde. Dies scheint mir notwendig zu sein, da in diesem Buch Fragen zur historisch-vergleichenden Grammatik auf eine Art und Weise behandelt werden, die fassungslos macht, wobei meine Sorge ist, dass die in dem Buch vertretenen Ansichten durch die Publikation in diesem Verlag und in der Reihe salonfähig werden und (vor allem in Germanisten-Kreisen) weiterer Verbreitung finden könnten.

S. 13, Anm. 3 (auf den S. 421f.): Der Unterschied in den gr. Schreibungen zwischen -ou- und -u- wird auf Wurzelablaut zurückgeführt - es liegt vielmehr eine vielfach vorkommende graphische Varianz bei der Wiedergabe von germ. -u- vor. Wie aus dem Text auf S. 13 zu entnehmen ist, meint Kotin wohl eher die Namensform der Gauten, die in Ablaut zu der der Goten steht.
S. 14: germ. *terva (bei den Stammansätzen fehlt regelmäßig im Buch das -) ist nicht - wie suggeriert - die Vorform von got. triu, etc., die auf urgerm. *trewa- zurückgehen.
S. 18, Anm. 6 (S. 422f.): Wenn angenommen wird, dass die Schreibung Ulfila ohne anlautendes W- entweder eine nordgermanische Variante des Namens ist oder eine Art Kosename, wird übersehen, dass es sich dabei um eine Transkription der griechischen Namenslautung handelt (der Schwund des anlautenden w- vor u im Nordgerm. ist deutlich später, für den Verlust des anlautenden w- bei einem Kosenamen, hätte man gerne Parallelen gehabt, die vermutlich schwer beizubringen sind).
S. 19, Anm. 10 (S. 423f.): Das got.-lat. Gießener Fragment ist verschollen und somit nicht mehr in Gießen vorhanden; die Behauptung, dass das Fragment keine Aufnahme in Streitberg gefunden hat, ist nicht zutreffend - es findet sich im Nachtrag zum ersten Band.
S. 22: Ob die Eigenbezeichnung Guten als Beleg für ein frühes Auftreten der Vokalverengung oder der Konsonantenerhärtung angeführt wird, bleibt offen; es ist als Beispiel für beides ungeeignet.
S. 23: Wenn die Lautung -jan bei den sw.V. I damit erklärt wird, dass das Gotische die ursprüngliche Form des Suffixes behält, während das Suffix im Westgerm. reduziert wird und das sonantische Element verliert, wird die hierfür relevante Westgerm. Konsonantengemination mit der damit verbundenen Silbengrenzenverlagerung, die für den dann nachfolgenden Schwund von -j- verantwortlich ist, nicht erwähnt. Die ahd. Formen ner(r)ien, neren sollten in nerien, nerren geändert werden.
S. 29: Bei der Auflistung von Beispielen, die "Beibehaltung der Vokallänge in unbetonten Sibe" zeigen, wird übersehen, dass diese nicht parallel sind, da bei gib-ô-m eine ganze Endsilbe geschwunden ist (anders als bei wulfê)
S. 30: Dass Kürzen angeblich ohne weiteren Grund in manchen Formen synkopiert sind (dags < *dág-a-z), in anderen dagegen nicht (dágis < *dag-é-s), ist nicht richtig (und hat auch nichts - wie suggeriert - mit dem Akzentsitz zu tun) - die Gen.-Form geht auf *dages/za zurück, wobei das -e- wegen des nachfolgenden -a erhalten geblieben ist.
S. 36: Durch die Formulierung wird suggeriert, dass die Schreibung für /î/ (trotz griechischer Vorlage) einen Reflex des alten Diphthongs zeigen würde - im Griechischen war jedoch altes /ey/ zu /î/ geworden, die im Griechischen historisch beibehaltene Graphie ist im Got. zur Wiedergabe von got. /î/ übernommen worden.
S. 37: Ob die Schreibung für die Aufhebung "der Opposition zwischen Kürzen und Längen" zeigt, ist ungewiss - es könnte sich um eine lateinisch beeinflusste Schreibung handeln (vgl. Schreibungen wie für ).
S. 38: piskus, recte piscis; *gast-é-s, recte *gastes/za.
S. 39: Niemand geht mehr von einem überkurzen epenthetischem Vokal Schwa secundum bei den silbischen Resonanten im Uridg. aus.
S. 40: Das u von filu und faihu geht natürlich letztendlich auch auf eine Schwundstufe zurück.
S. 40-41: Der Ansatz eines Schwa primum in Wörtern stellt eine Indogermanistik von vor 50 Jahren dar.
S. 42: Der Ansatz uridg. *suîn- 'Schwein' ist sehr abenteuerlich. Beim Ausfall von Nasal scheint der ältere Ausfall in der Gruppe *Vnχ mit späteren Ausfällen im Nordseegermanischen in einen Topf geworfen zu sein.
S. 42ff.: Die Verbindungen uridg. *VHK, die Langvokale zur Folge haben, werden generell ignoriert.
S. 43, Anm. 36 (S. 434): Wenn für die Entwicklung von *ê > â im Nordisch-Althochdeutschen das 4.-6. Jh. angegeben wird, wird der runische Beleg -mâriz < *mêrijaz aus dem 2. Jh. übersehen. Im Altenglischen liegt eher eine Rückwandlung vor als ein beibehaltener Archaismus.
S. 44: Warum der Zusammenfall in a (< *o, *a) und ô (< *â, *ô) kein echter Lautwandel ist, sondern "idioethnisch-artikulatorisch bedingt" sein soll, bleibt unklar.
S. 47: Bei der schwierigen Erklärung langer und kurzer Auslautvokale wird die Silbenzahl nicht berücksichtigt (wulfe in zweiter, tawida < *-dôn in dritter Silbe).
S. 47-48: "Auch vor dem Konsonanten s, wo das Gemeingermanische den Ausfall des kurzen stammbildenden Vokals a bzw. i kennt, wird dieser im Gotischen synkopiert", recte "nicht kennt".
S. 49: Der Vokal *e wird lediglich vor r in der unbetonten Mittelsilbe zu a. Was daran ein "idioethnischer spontaner Lautwandel" sein soll, bleibt unklar. Dass das e vor r offen ausgesprochen wurde (sogar in erster Silbe), geht auch etwa aus lat.-germ. Arminius hervor.